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Das erotische Exlibris..

 

Das erotische Exlibris in Deutschland und Österreich.

Wenn man einen Beitrag schreibt über das „erotische Exlibris“ so ist vorab zu klären, was der Autor unter „erotisch“ versteht, den hier gibt so viele unterschiedliche Meinungen wie es kunstinteressierte Menschen gibt.
Wahrend zum Beispiel ein Arztexlibris ohne besondere Definitionsschwierigkeiten von jedermann als solches zu erkennen ist – die Darstellung weist in irgendeiner Form auf die Berufsausübung des Arztes hin und es wird zum Beispiel der Aesculapstab abgebildet – herrscht beim erotischen Exlibris das, was man babylonische Sprachverwirrung nennt. Was erotisch ist, definiert jeder anders! Ist ein weiblicher Akt schon Erotik, ist die Darstellung des Geschlechtsaktes noch Erotik oder gar schon Pornographie? Ist die Darstellung eines Paares beim Cunnilingus oder die bloße Widergabe von Geschlechtsteilen Erotik , Pornographie oder vielleicht schon Perversion?
Unter „erotischer“ Graphik verstehe ich: den weiblichen und männlichen Akt, alle Erscheinungsformen der Liebe, sei es zwischen den Geschlechtern vom bekleideten, sich innig küssenden Paar an bis zum Geschlechtsverkehr, sei es in gleichgeschlechtlichen Beziehungen oder in Form der Eigenliebe, wobei sowohl der ganze nackte Körper als auch als pars pro toto sexuell stimulierende „Einzelteile“ dargestellt werden können. Mir ist bewusst, dass damit Nacktheit, Sexualität und Erotik sicherlich sehr wenig differenziert betrachtet werden, aber wie schon oben gesagt: was „erotisch“ ist, das muss jeder Betrachter für sich selbst entscheiden!

Die Idee des Exlibris als Eigentumsnachweis im Buch wurde geboren gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Deutschland, nachdem Gutenberg die Druckform mit beweglichen Lettern erfunden hatte. Zentrum der ersten Exlibrisbewegung war Nürnberg und so großartige Renaissancekünstler wie Dürer, Cranach, Beham und viele andere schufen in dieser Zeit selbstverständlich auch Exlibris. Auf diesen finden sich auch Aktdarstellungen alleine mit dem weiblichen Körper, die aber wohl nur wenige von uns als erotische Graphik einschätzen werden. Es ist die Darstellung des nackten Körpers wie wir ihn aus der Antike her kennen: schön und unnahbar.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts – im 16. bis 19. Jahrhundert spielte das Exlibris überhaupt im deutschsprachigen Raum mit Ausnahme einiger heraldischer Werke kaum eine Rolle – entstand wiederum in Deutschland eine Renaissance des Exlibrisgedankens und Max Klinger und vor allen Dingen der damals sehr populäre Joseph Kaspar Sattler öffneten den Weg für neue Bildinhalte. Das heraldische Exlibris existierte zwar noch weiter bis ins erste Viertel des 20. Jahrhunderts hinein, verlor aber immer mehr an Beliebtheit unter Exlibris-Eignern und bevorzugt wurden andere Themen. Max Klinger, der Antike sehr verbunden schuf erstmals Exlibris mit weiblichen und auch männlichen Akten sehr stark nachempfunden den antiken Vorbildern ( X ). Klingers Radierungen hatten jedoch nicht die Öffentlichkeitswirkung und den Einfluss auf die Entwicklung des modernen Exlibris wie die des Joseph Sattler, der 1895 in seinem Werk: „Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen“ – welches übrigens schon im gleichen Jahr auch in England erschien und von der dortigen Kritik höchstes Lob erhielt – Exlibris schuf, in denen plötzlich alle möglichen Sujets Eingang ins Exlibris fanden und der das Exlibris aus der Starre der Heraldik herausführte und damit die Grundlagen für den Boom des Exlibris – und auch des erotischen Exlibris – im deutschsprachigen Raum etwa ab 1905 begründete. Sattler selbst schuf zwar kein erotisches Exlibris, aber er machte den Weg frei auch für diese Thematik.
Ein großartiges Exlibris schuf 1898 der auch heute noch hoch geschätzte Jugendstil-Künstler und Zionist Moses Ephraim Lilien als Eigenblatt, das Opus 1 in seiner Werkliste. Er zeichnete einen stehenden weiblichen Akt in einem Buch lesend in Frontalansicht mit wehendem langen Hahr , ein Meisterwerk des beginnenden Jugendstils in Deutschland ( X ).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde nicht nur die Sitte, ein Exlibris auf den eigenen Namen zu haben, immer beliebter sondern es war für viele Eigner und Sammler ein „muss“, ein erotisches Blatt beim Künstler zu bestellen mit dem Höhepunkt zwischen 1920 und 1930, der „deutschen Welle“ mit ihren großartigen aber oft wenig exlibrisgerechten Graphiken. Diese speziellen deutschen Aktexlibris, denen häufig jeder Charme abgesprochen wird und die wohl richtiger als mehr akademische Akt-Exlibris beurteilt werden als dass sie erotisch genannt werden, hat Richard Braungart in seinen beiden Luxuseditionen „Das deutsche Akt-Exlibris“ und „Das neue deutsche Akt-Exlibris“ ausführlich gewürdigt und mit vielen Abbildungen illustriert.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war also die Situation für das Schaffen erotischer Exlibris günstig und es gab viele hervorragende Künstler, die auch bereit waren, Erotica zu gestalten und eine Reihe bekannter Exlibris-Eigner und Sammler, die dafür Interesse zeigten.
Besonders als Künstler von Akt-Exlibris und Exlibris mit erotischen Darstellungen seinen hier beispielhaft genannt: der schon früher erwähnte Max Klinger, Hermann Bauer,
Martin E. Phillip ( X ), Georg Erler, Walter Helfenbein,
Max Schenke ( X ), Robert Budzinski ( X ), Erwin Theermann und Willi Geiger ( X ) neben vielen anderen.
Michael Fingesten, von dem es in seinem Oeuvre zahlreiche erotische –oft mehr als eindeutige von manchem als pornographisch bezeichnete Exlibris gibt – schuf 1914 sei erstes erotisches Exlibris, welches ein junges nacktes Mädchen neben einer Phallusstatue zeigt ( X ).

Ende der 20iger Jahre ebbt die Welle der großformatigen Sammlerexlibris, die aber kaum für das Einkleben in Büchern geeigneten waren, ab und die Exlibrisproduktion wird insgesamt geringer. Nachdem vorher die Radierung als Technik des Exlibris absolut vorherrschte, kommt nun der Holzschnitt wieder zu seinem Recht. Vor dem 2. Weltkrieg schuf Peter Wolbrand ( X ) – selbst Erotica-Sammler – seine kleinen, künstlerisch hervorragenden Holzschnitt-Exlibris mit sehr freizügigen aber nie obszön wirkenden weiblichen Akten.
Während des Dritten Reiches verliert Deutschland seine lange Zeit führende Rolle im Exlibris sowohl was die Qualität angeht als auch die Quantität. Entsprechend werden auch nur sehr wenige gute erotische Exlibris geschaffen. Wie das erotische Exlibris im Dritten Reich beurteilt wurde, mag das folgende Zitat aus dem Jahrbuch 1939 ( Exlibris – Buchkunst und angewandte Graphik, Seite 54 ) belegen: „Das Vertreiben, Tauschen und Zurschaustellung erotischer Blätter ist in Deutschland unter Strafe gestellt. Dennoch werden immer wieder solche Blätter aus dem Ausland gesandt. Diese Sendungen werden von deutschen Sammlern vernichtet und nicht beantwortet“.

Im Nachkriegs-Deutschland spielt das Exlibris und natürlich erst recht das erotische Exlibris zunächst kaum eine Rolle. Aber auch in den 60iger Jahren findet das Exlibrisschaffen in Deutschland und Österreich im Gegensatz zu den Ostblockländern nicht das Interesse wie in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts.
Im Oeuvre von Karl Bloßfeld aus Leipzig ( später Hamburg ) gibt es einige akademische männliche und weibliche Akte und sehr innige nackte Paare ( X ). Der damals sehr gesuchte Holzschneider Herbert Ott hat in seinem umfangreichen Exlibriswerk auch vereinzelt erotische Blätter, doch gilt seine Vorliebe eindeutig Landschaften, Bauten und Wappen.
Eine ansehnliche Zahl von erotischen Blättern findet sich bei dem 1985 verstorbenen Rudolf Koch aus Braunschweig, der auf vielen seiner sehr malerischen Radierungen Akte und Paare beim Geschlechtsverkehr in freier Waldlandschaft gestaltet hat. Weiter ist von der älteren Generation noch Wilhelm Busch zu erwähnen. Dieser bekannte Buchillustrator hat einige äußerst humorvolle erotische Szenen in seinen Exlibris verwirklicht.
Von der jüngeren Generation sind unter anderem zu nennen: Elfriede Weidenhaus aus Erkenbrechtsweiler, Axel Vater und Ulla Günther aus Krefeld, Oskar Roland Schroth und seine Ehefrau Helga Schroth und Utz Benkel aus Deggendorf.
Elfriede Weidenhaus verrät in jedem ihrer Exlibris ihre Vorliebe für die griechische Antike. Teils als Radierungen teils als Zeichnungen sind ihre oft sehr freien erotischen Blätter geprägt von einer besonderen Zärtlichkeit der sich liebenden Paare ( X ). Axel Vater und Ulla Günther gehören zu den wenigen Künstlern, die in ihren Exlibris auch moderne Kunst durch stark abstrahierte Figuren und Akte einbringen ( X ). Vater hat in seinem schon über 230 Exlibris zählenden Oeuvre neben seinen unverwechselbaren Farbholzschnitten und Linolschnitten eine große Anzahl Aktfotografien als Computergraphik geschaffen. Vor kurzer Zeit erschien eine Serie von Exlibris zum Thema „Leda und der Schwan“, ein High-light des modernen Exlibris.
Die Graphiken von Ulla Günther ähneln denen von Axel Vater vor allen Dingen in der Farbgebung und der Abstraktion der bei ihr vorwiegend dargestellten nackten, weiblichen Figuren. Leider hat sie sich vom Exlibrisgeschehen seit einigen Jahren völlig zurückgezogen.
Oskar Roland Schroths Blätter zeigen mit wenigen Strichen sehr sensible Akte und erotische Szenen. Seine Ehefrau Helga schafft kleine exlibrisgerechte Kollagen, die oft reduziert sind auf die alleinige Wiedergabe von Geschlechtsteilen.
Das Gesamtexlibriswerk des 1959 geborenen Utz Benkel umfasst jetzt schon fast 200 Werke hauptsächlich als Linolschnitte und Plastikstiche. Dr. Henry Tauber glaubt hinter dem „lauten, bellend und krachend auftretenden Künstler“ ( dies betrifft nicht seine liebenswerte Persönlichkeit sondern alleine seine Kunst ) den schöpferischen Geist zu erkennen.
Eine Ausnahmeerscheinung des heutigen Exlibrisschaffens in Deutschland stellt der seit einigen Jahren in Italien lebende Jürgen Czaschka dar. Auch er hat seinen eigenen, unverkennbaren auf knappe Darstellung - oft deuten nur wenige Striche die gewünschte Form an - beschränkten, künstlerischen Stil, bei dem der nackte menschliche Körper häufig Mittelpunkt der Blätter ist. Für den Autor schuf er das bemerkenswerte, erst auf den zweiten Blick als erotische Szene zu sehende, Exlibris des aus dem Hades emporsteigenden Orpheus ( X ).

Im Osten Deutschlands ist die Entwicklung nach dem Kriege nicht wesentlich anders verlaufen. Doch sind dort nicht zuletzt dank dem 1983 verstorbenen Erotica-Sammler Günter Hesse mehr Künstler im erotischen Genre tätig geworden als in Westdeutschland. Zu nennen ist der Kupferstecher Eugen Schmidt, der vor allen Dingen reizende kleine erotische Exlibris geschaffen hat. Bei seinen großformatigen Blättern stört eine gewisse Starre vornehmlich bei den Gesichtern seiner Frauenakte. Bekannt und bei Sammlern in ganz Europa beliebt ist der Autodidakt Fritz Kühn. Seine Stärke sind „knackige“ weibliche Akte voll unschuldiger Frivolität ( X ).
Neben dem vor kurzem verstorbenen Erhard Zierhold, der in seinem umfangreichen Opus auch einige erotische Exlibris aufzuweisen hat, seien so hervorragende, auch heute noch Exlibris schaffenden Künstler genannt wie Oswin Volkamer, Harry Jürgens und Eduard Albrecht-Hagen.
Volkamer - er ist einer der wenigen heute noch tätigen Kupferstecher in Europa und war zur DDR-Zeit ein bekannter Briefmarkenstecher – arbeitete mit absoluter Exaktheit auch einige Blätter mit weiblichen Akten und nackten Paaren. Ihm fehlt allerdings oft das malerische Element, wodurch seine Körper etwas kalt und distanziert wirken.
Harry Jürgens, ein geborener Este, der seit vielen Jahren in Leipzig lebt und bisher über
200 Exlibris ausschließlich in der Technik der Radierung geschaffen hat, hatte auch früher schon einige Exlibris mit erotischem Inhalt allerdings immer versteckt hinter mythologischen Themen der griechischen Antike. In letzter Zeit werden seine Blätter klarer und weniger überfrachtet mit vielen kleinen Einzelszenen. Viele Blätter der letzten Zeit sind Eroticas von hoher Qualität.
Der in Stralsund lebende Albrecht-Hagen nutzt ausschließlich den Holzschnitt bzw. Holzstich für seine Exlibris, unter denen sich eine Reihe auch erotischer Blätter befinden. Von hoher künstlersicher Qualität ist auch seine Exlibris-Serie von 12 Blättern zum Thema „Adam und Eva“.

Österreich hatte mit Franz von Bayros der ersten überragenden Künstler, der sich dem erotischen Exlibris widmete. Seine im Stil des Rokoko geschaffenen Exlibris sind von höchstem erotischen Reiz, seine Blätter zählen zu den Höhepunkten einer Exlibris-Sammlung.
Bedauerlich, dass er keinen Nachfolger hatte.
Für die zwanziger Jahre in Österreich ist für Alfred Cossman und di nach im benannte Kupferstecherschule mit seinen Schülern Friedrich Teubel, Herbert Toni Schimek, Hans Ranzoni und anderen prägend. Diese Künstler haben jedoch nur einige wenige männliche und weibliche Akte in ihren zahlreichen Exlibris von höchster Qualität dargestellt. Die Strenge dieser Kupferstecherschule ließ für das eigentlich erotische Exlibris keinen Raum.
Künstler wie Georg Wimmer und Hubert Woyty-Wimmer haben ganz vereinzelt Blätter zu unserem Thema geschaffen ebenso wie Richard Lux oder Erhard Amadeus-Dier, letztere radieren auf einigen ihrer Blätter sehr sensibel Liebespaare.
Selbst Michel Fingesten ( X ), der ja einige Jahre auch in Österreich lebte, war kein Stimulanz für andere österreichische Künstler erotische Exlibris zu schaffen. Viele Blätter Fingestens sind eben dadurch heute hochgeschätzte und gesuchte Sammlerstücke, weil er es verstand eindeutig sexuelle Inhalte humorvoll zu verpacken.
Zwar hat die österreichische Exlibris-Gesellschaft dank des immer rührigen Otmar Premstaller – selbst ein sehr erfolgreicher Exlibris-Künstler allerdings ohne erotische Blätter – in den letzten Jahren wieder neue Aktivitäten im Exlibris-Geschehen entfaltet, es gilt aber noch mehr als für Deutschland: Exlibris-Künstler sind rar gesät und, wenn man ein erotisches Exlibris auf seinen Namen bestellen will, muss man sich an Künstler aus anderen Ländern wenden vornehmlich aus dem Ostblock und hier heute führend Russland, die Ukraine und neuerdings Bulgarien.



(Artikel für den Ausstellungskatalog von
„EROS INTIME“, l´art de l´ex-libris érotique,
Musée historique de Lausanne, 2002)

Dr. Gernot Blum
Bockmühlstr. 31
D – 41199 Mönchengladbach




 

Dietzsch, Peter, D, Honigbiene, 2012

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